Woche 5 der Fastenaktion „7 Wochen ohne Pessimismus“

Meine Zuversicht ist bei Gott

(Psalm 62,2–8)

 

 

Psalm 62,2-8

Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.

Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz,

dass ich gewiss nicht wanken werde.

Wie lange stellt ihr alle einem nach,

wollt alle ihn morden,

als wäre er eine hangende Wand und eine rissige Mauer?

 

Sie denken nur, wie sie ihn von seiner Höhe stürzen,

sie haben Gefallen am Lügen;

mit dem Munde segnen sie, aber im Herzen fluchen sie.

 

Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele;

denn er ist meine Hoffnung.

Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz,

dass ich nicht wanken werde.

Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre,

der Fels meiner Stärke,

meine Zuversicht ist bei Gott.

Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute,

schüttet euer Herz vor ihm aus;

Gott ist unsre Zuversicht. Amen

 

 

 

"Meine wesentliche Aufgabe ist es, Zuversicht zu verbreiten" - so hat es einmal eine Pastorin formuliert, die für das Gelingen eines kirchlichen Großprojekts verantwortlich war. Natürlich waren ihre Aufgaben weit umfangreicher - und doch hatte sie recht. Denn wenn es unübersichtlich wird, wenn Menschen sich überfordert fühlen, dann braucht es Leute, die den klaren Blick behalten und voller Zuversicht nach vorn schauen.

Nach Menschen, die Zuversicht ausstrahlen, suchen wir in diesen Tagen und Wochen der Corona-Pandemie oftmals vergeblich. Woher soll sie auch kommen – die Zuversicht inmitten von Krankheit, Leid und Tod?

Diese Zuversicht nährt sich aus dem Vertrauen. Überhaupt ist das Vertrauen der Grund der Zuversicht. Je tiefer das Vertrauen, desto echter, tragfähiger die Zuversicht. Vertrauen wächst. Wenn wir Glück haben, wird es uns gleich mit in die Wiege gelegt. Manche Menschen sind weniger glücklich und müssen das Vertrauen in Gott, zu anderen Menschen, in das Leben erst erlernen. Das ist nicht immer einfach. Denn was als zarte Pflanze heranwächst. kann durch Unachtsamkeit, durch Grobheit, durch schmerzhafte Kränkung böse mit den Füßen getreten und kaputtgemacht werden.

 

Das ist die Situation, in die der 62. Psalm uns hineinnimmt. Man kann sich vorstellen: So spricht ein Mensch, der sehr bedrängt wird von seinen Feinden - von Menschen, die ihm übelwollen, dass er sich in seiner ganzen Existenz bedroht fühlt. Auf ihn haben es die anderen abgesehen - missgünstige Menschen, die den Erfolg neiden. Die mit Wonne anderen schaden und sich an deren Scheitern ergötzen. Die ihren Konkurrenten das Messer in den Rücken jagen. Jemanden solange mit Häme und giftigen Kommentaren überziehen bis er zermürbt aufgibt. Die unter Lächeln boshaft reden. All das zerstört Vertrauen in andere Menschen. Und stattdessen wächst die Skepsis, das Misstrauen, das hinter jeder Bemerkung eine neue Kränkung vermutet. Die Zuversicht geht dahin. Wer das erlebt, steht unter enormem Druck, mit dem er vielleicht ganz allein, ohne die Hilfe anderer Menschen fertig werden muss.

 

In dieser Situation ist es gut, möglicherweise sogar lebensrettend, sich an Gott zu erinnern – so wie der Psalmbeter es tut, wenn er Gott mit "mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz" anruft und sich damit zugleich selbst vergewissert. Denn, wenn es ganz dunkel ist um einen herum, gerät das manchmal in Vergessenheit, dass Gott immer auf meiner Seite steht - selbst dann. Deswegen muss sich die Seele einen Schubs geben, sich gewissermaßen selbst ermuntern: "Vertrau auf Gott - er steht fest und weicht nicht von deiner Seite."

 

Wer das tut, wird merken, dass das Vertrauen wächst - in Gott und in die Menschen. Langsam, schrittweise. Das Bedrängende, das die Luft zum Atmen nimmt, verliert an Gewicht. Die Zuversicht wächst. Sie wird so groß und beständig, dass letztlich auch andere durch sie gehalten werden --- wie bei der Pastorin, die diese Zuversicht ausgestrahlt hat, wo sie bei den anderen schon fast verdunstet war.

 

Dass das Vertrauen und die Zuversicht wachsen, können wir nur bedingt beeinflussen, aber wir können die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Gottes Kraft in uns stark wird. Damit Gottes Geist, sein Segen und die Kraft seines Wortes in mir zur Wirkung kommen kann, ist Stille notwendig – so wie der Psalmbeter sagt: Seid stille zu Gott, meine Seele.

 

Stille setzt eine innere Bereitschaft voraus, dass ich manches vor der Tür lasse, was der Stille hinderlich: eigene Unruhe, Planung, Selbstbetrachtung. In unserer Zeit werden die Räume der Stille immer kleiner und weniger: Können wir überhaupt noch still sein und die Zeit aufbringen zum Hören, Warten und Hoffen? Viele laute Stimmen verwirren uns und machen die Orientierung schwer: Beurteilungen, Normen, Verführungen, Spottstimmen und unzählige Ratschläge – welcher Stimme sollen wir folgen?

 

Der Beter des 62. Psalms hat in der Stille, in der persönlichen Beziehung zu Gott Halt und Trost und Kraft gefunden. Weil er sich bei Gott geborgen und von ihm gehalten weiß, kann er die Anfeindungen aushalten, Spott und Hohn ertragen - und möglicherweise auch ihre Machenschaften, ihre Ränkespiele, ihre Falschheit aufdecken.

 

Aus eben diesen Quellen - der persönlichen Beziehung zu Gott - schöpft auch Jesus Christus seine Zuversicht und seine Kraft, als er sich auf den Weg in die Höhle des Löwen macht, nach Jerusalem geht, um allen Widerständen und Warnungen zum Trotz für die Menschenfreundlichkeit Gottes, für Barmherzigkeit und Gnade einzutreten. Wie der Psalmbeter lebt er aus dem Vertrauen auf Gott und wirbt bei seinem Volk um die Liebe zu Gott: Hoffet auf Gott alle Zeit, ihr Leute! Amen

 

 

 

Lied: EG 369,1-3+7 Wer nur den lieben Gott lässt walten

 

1. Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn alle Zeit,
den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

 

2. Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.

 

3. Man halte nur ein wenig stille, und sei doch in sich selbst vergnügt,

wie unsers Gottes Gnadenwille, wie sein Allwissenheit es fügt;

Gott, der uns sich hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

 

7. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu,
und trau des Himmels reichem Segen, so wird er werden bei dir neu;
denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

(T+M: Georg Neumark, 1641/1657)